Konzept & Zielsetzung
Die Privilège 615 wurde für den anspruchsvollen Fahrtensegler gebaut, der strukturelle Integrität, Sicherheit und luxuriöses Wohnen an Bord über reine Regattageschwindigkeiten stellt. In einer Ära, die von leichteren Serien-Katamaranen von Massenherstellern wie Lagoon und Fountaine Pajot sowie von steckschwertgetriebenen Performance-Modellen von Werften wie Catana und Outremer dominiert wurde, besetzte die Privilège 615 eine ganz eigene Nische. Sie wurde nach den strengen Standards von Bureau Veritas gebaut, unter Verwendung von Materialien und Techniken, bei denen Langlebigkeit im Vordergrund stand. (2)
Rumpf, Brückendeck und Deck der 615 sind in einer vakuuminfundierten Glasfaser-Vinylesterharz-Sandwichkonstruktion mit einem geschlossenzelligen Divinycell-Schaumkern gefertigt. Um Osmoseblasenbildung vorzubeugen und die Durchschlagfestigkeit zu maximieren, wird unter der Wasserlinie massives, handaufgelegtes Glaslaminat verwendet. Die strukturelle Integrität wird zusätzlich durch vakuumiertes Composite-Sandwich-Schotten erhöht, die direkt mit den Rumpfwänden und dem Deck laminiert (anlaminiert) sind. Diese steife Monocoque-Konstruktion verhindert strukturelle Verschiebungen, Knarzen und Verwindungen, wie sie bei leichteren Katamaranen unter schweren Bedingungen auf See häufig auftreten. (2, 3)
Ein charakteristisches Designelement der Privilège-Reihe ist die markante zentrale Gondel (Nacelle) bzw. der vordere Pod, der vor dem Mast aufragt. Diese strukturelle Gondel erfüllt zwei wichtige Funktionen: Sie bietet enormen Reserveauftrieb in der See von vorn, um ein Unterschneiden des Bugs (Nose-Diving) zu verhindern, und sie schafft ein unvergleichliches Innenraumvolumen. Der Innenausbau spiegelt die hochwertige, semi-customisierte Herkunft von Alliaura Marine wider. Die Standardrümpfe wurden entweder in Kirschbaum oder hellem Ahorn ausgeführt, geschützt durch einen tiefen, hochglänzenden Bootslack, ergänzt durch Massivholzleisten und sorgfältig aufeinander abgestimmte Maserungsverläufe. Die Verarbeitungsqualität im Inneren der 615 liegt näher an einer Custom-Superyacht als an einer Serien-Fahrtenyacht, was für eine hervorragende Schalldämmung und ein solides, klapperfreies Wohnumfeld unter Segeln sorgt. (1, 4)
Varianten & Aufteilungen
Um sowohl private Eigner als auch exklusive Charterunternehmen zufriedenzustellen, wurde die Privilège 615 mit verschiedenen Layout-Optionen angeboten. Die bekannteste und begehrteste davon ist die Eignerversion. In dieser 4-Kabinen-Aufteilung ist die Eignersuite ein palastartiger Bereich, der die zentrale Gondel nutzt und in den Backbordrumpf hinabreicht. Sie verfügt über eine Doppelkoje auf der Mittellinie, die auf dem Brückendeck positioniert ist, flankiert von einem eigenen Ankleidezimmer, einem Schminktisch, einem kleinen Sofa und einer geräumigen Nasszelle im Rumpf, die mit einer Hydromassage-Dusche ausgestattet ist. Die anderen drei Kabinen sind großzügige Doppelkabinen, jeweils mit eigener Nasszelle. Es wurde auch eine 5-Kabinen-Option produziert, die eine eigene Treppe vom Salon zu einer zusätzlichen vorderen Doppelkoje bietet – ein Layout, das bei kommerziellen Charterfahrten mit Crew sehr beliebt ist, aber die absolute Größe der Eignerkabine leicht einschränkt.
Die Positionierung der Pantry war eine weitere wichtige Designvariante. Bei der „Galley Down“-Variante befindet sich die Pantry im Gang des Steuerbordrumpfs. Dadurch werden alle Kochgerüche und -geräusche aus dem Hauptwohnbereich verbannt, sodass der Salon als gesellige Lounge, Bar und formeller Essbereich komplett offen bleibt – eine Aufteilung, die von Seglern bevorzugt wird, die mit professioneller Crew reisen. Die „Galley Up“-Konfiguration platziert die Pantry im Salon und unterstützt so einen sehr geselligen Lebensstil für Eigner, die das Boot selbst betreiben.
Unter Wasser ist die 615 mit tiefen, festen Minikielen ausgestattet. Diese Kiele schützen die Ruder und Saildrives, sodass das Boot für Wartungsarbeiten sicher trockenfallen oder mit einem moderaten Tiefgang von knapp unter sechs Fuß in flache Ankerbuchten gesteuert werden kann. Das Standard-Rigg ist eine 7/8-Slup mit einem Aluminiummast, der mehr als 85 Fuß über die Wasserlinie aufragt. Der Segelplan umfasste normalerweise ein Großsegel mit Volllatten und eine Rollgenua, wobei viele Boote ein optionales Stagsegel an einem inneren Vorstag und einen Gennaker an einem festen Bugspriet fuhren. (2, 5)
Segelleistung & Handling
Mit einer Trockenverdrängung von 58.000 Pfund ist die Privilège 615 ein schweres Boot, dennoch ist ihre Segelleistung überraschend agil. Das Verdrängungs-Längen-Verhältnis (D/L) von 140,41 zeugt von einer außergewöhnlich langen Wasserlinie, was sich in einer effizienten Rumpfform mit geringem Widerstand und einer reduzierten Neigung zum Stampfen (Hobby-Horsing) niederschlägt. Ergänzt wird dies durch ein kraftvolles Segelfläche-Verdrängungs-Verhältnis (SA/D) von 21,89, das die nötige Leistung liefert, um das Boot auch bei leichtem bis mäßigem Wind gut in Fahrt zu halten. (4)
Unter praktischen Segelbedingungen erreicht die 615 hoch am Wind bei nur 9 Knoten wahrem Wind problemlos fast 7 Knoten Fahrt und klettert auf raumen Kursen bei einer Brise von 13 Knoten auf über 9 Knoten. Da sie eine schwere Luxus-Fahrtenyacht ist, ist sie nicht dafür ausgelegt, Rümpfe in die Luft zu heben oder mit Regattageschwindigkeiten Wellen hinabzusurfen; stattdessen ist sie eine stabile Lokomotive, die Seemeilen frisst. Logbücher zeigen, dass die 615 zuverlässig durchschnittliche Reisegeschwindigkeiten von 8 bis 9 Knoten hält und dabei ein sicheres, ruhiges und trockenes Seeverhalten bietet. (2, 4)
Mit einer Breite von 30,3 Fuß ist die Stabilität des Bootes enorm, was mathematisch durch ein Kenterungsverhältnis von 3,14 gestützt wird. Die Bewegungen in der Welle sind äußerst komfortabel, was sich in einer Komfort-Ratio von 16,42 widerspiegelt. Die hohe Brückendecksfreiheit und die feinen, auftriebsstarken Vorschiffseintritte verhindern das harte Einsetzen und das Schlagen des Brückendecks (Slamming), das leichtere, flachere Fahrtenkatamarane in unruhiger See von vorn plagt.
Am Steuer steht der Rudergänger an einem erhöhtem Steuerstand auf der Backbordseite des Kajütaufbaus, strategisch positioniert zwischen der Plicht und der Flybridge. Dieses Design sorgt dafür, dass der Rudergänger stets in Kontakt mit dem Geschehen in der Plicht und auf der Flybridge bleibt, während er gleichzeitig eine Rundumsicht über alle vier Ecken des Schiffes genießt. Segelsteuerung, Schoten und Fallen sind direkt zu einer Reihe leistungsstarker elektrischer Winschen am Steuerstand geführt, was das Handling des Bootes mit kleiner Crew oder als Segelpaar überraschend einfach macht. (4)
Marktübersicht & Wirtschaftlichkeit
Auf dem Gebrauchtbootmarkt nimmt die Privilège 615 eine Spitzenposition ein und behält ihren Wert weitaus besser als zeitgenössische Massen-Serienkatamarane. Da nur 21 dieser Boote gebaut wurden, sind sie äußerst selten. Wenn sie auf den Markt kommen, bieten sie eine hervorragende Gelegenheit für Blauwassersegler, welche die überlegene Bauqualität der Alliaura Marine-Ära zu schätzen wissen. (1, 2)
Potenzielle Käufer müssen jedoch die Refit-Kosten eines komplexen 60-Fuß-Schiffes realistisch kalkulieren. Aufgrund des Alters dieser Rümpfe wurden bei fast allen Einheiten bereits größere Systemüberholungen durchgeführt oder stehen demnächst an. Die 615 ist auf umfangreiche Hilfssysteme angewiesen, zu denen in der Regel zwei Dieselmotoren, zwei Generatoren, Hochleistungs-Wassermacher und Klimaanlagen für mehrere Zonen gehören. Ein umfassendes Refit eines Schiffes dieser Größenordnung – einschließlich des Austauschs alternder Teakdecks, der Erneuerung des stehenden Guts, der Modernisierung älterer Elektronik und der Überholung komplexer Maschinenanlagen – erfordert erhebliche finanzielle Rücklagen.
Bekannte Schwachstellen & Wartung
Während die strukturelle Integrität von Rumpf und Deck aufgrund des hochwertigen Divinycell- und Vinylester-Infusionsverfahrens selten Anlass zur Sorge gibt, haben sich mit zunehmendem Alter dieser Schiffe einige modellspezifische Verschleißpunkte und Systemprobleme herauskristallisiert.
- Konfiguration des elektrischen Systems: Viele der 615-Rümpfe wurden ursprünglich nach europäischen Spezifikationen gebaut und arbeiten mit einem 230V/50Hz-Wechselstromsystem. Wenn diese Boote nach Nordamerika importiert werden, erfordert dies eine umfangreiche und komplexe Anpassung der Elektrik. Die Umstellung auf ein US-kompatibles Dual-Voltage-System (oder die Einrichtung einer sauberen weltweiten Landstromkonvertierung über Trenntransformatoren und leistungsstarke Inverter-Ladegeräte) ist ein Großprojekt, das von zertifizierten Schiffselektrikern durchgeführt werden muss.
- Verschleiß des Teakdecks: Die originalen Teakdecks in der Plicht, auf den Seitendecks und auf der Flybridge erreichen unweigerlich das Ende ihrer Lebensdauer. Die Überprüfung auf abgenutzte Fugen, lose Planken oder beschädigten Kleber ist ein entscheidender Schritt beim Gutachten. Die Sanierung eines schadhaften Teakdecks bei einem Katamaran dieser Breite ist extrem arbeitsintensiv und teuer.
- Steueranlage und Ruderlager: Die immensen Lasten, die durch eine Breite von 30 Fuß und große Spatenruder entstehen, belasten die mechanischen Steuerzüge, Steuerseile, Umlenkrollen und selbstausrichtenden Ruderlager erheblich. Steuerzüge müssen regelmäßig auf Spliss oder Spannungsverlust untersucht werden, und die Ruderlager sollten unter Last auf Spiel oder ungewöhnliche Geräusche überprüft werden, was auf Wassereintritt und Verschleiß hindeutet.
- Belüftung des Motorraums: In den achtern gelegenen Motorräumen sind nicht nur die Yanmar-Hauptdiesel untergebracht, sondern auch Zusatzgeräte wie Generatoren, Wassermacher und Batterieladegeräte. Diese hohe Konzentration an Geräten erzeugt erhebliche Hitze. Die originalen Motorraumlüfter und Belüftungskanäle müssen regelmäßig überprüft werden, da übermäßige Umgebungshitze in diesen Räumen zu vorzeitigen Lichtmaschinenausfällen und unvorhersehbarem Verhalten der elektronischen Motorsteuergeräte führen kann.
Modernisierung & Upgrades
Aufgrund der robusten Substanz der Privilège 615 entscheiden sich viele Eigner für Investitionen in die Modernisierung der Schiffssysteme, um vor Anker nahezu vollständige Autarkie zu erreichen.
- Umstellung auf Lithium-Batterien: Die ursprünglichen, schweren AGM-Verbraucherbatteriebänke sind prädestiniert für einen Austausch. Moderne Eigner rüsten diese Systeme auf Lithium-Eisenphosphat-Technologie (LiFePO4) um. Das Upgrade auf eine leistungsstarke Lithium-Bank (typischerweise 800 Ah oder mehr bei 24 V) reduziert das Gewicht drastisch, erhöht die nutzbare Kapazität und ermöglicht es, verbrauchsintensive Wechselstromgeräte – einschließlich der Klimaanlage – über Nacht direkt über die Wechselrichter zu betreiben, ohne auf einen Generator angewiesen zu sein.
- Integration von Solarenergie: Der breite Kajütaufbau und die Bimini-Strukturen sind ideal für die Gewinnung von Solarenergie. Ein typisches Refit umfasst die Montage eines maßgeschneiderten Edelstahl- oder Kohlefaserbügels über den Davits des Beiboots, um eine leistungsstarke Solaranlage (oft zwischen 1,5 kW und 3 kW) zu tragen. In Kombination mit modernen MPPT-Reglern kann das Schiff so seine Verbraucher und die Kühlanlagen unbegrenzt betreiben, ohne Diesel zu verbrennen.
- Remotorisierung: Einige frühe Rümpfe wurden mit Motoren der Yanmar 6BY-Serie ausgeliefert. Bei größeren Refits rüsten Eigner das Schiff häufig mit modernen Common-Rail-Dieseln wie dem Yanmar 4LV-195 um, die leiser und hocheffizient sind und sich problemlos in moderne NMEA 2000-Elektroniknetzwerke integrieren lassen.
- Erneuerung von Satellitenanlagen und Navigation: Veraltete Navigationselektronik (oft frühe Systeme von Raymarine oder Furuno) wird regelmäßig zugunsten moderner Glass-Helm-Multifunktionsdisplays von B&G oder Raymarine Axiom ausgetauscht. Darüber hinaus ist die Installation von Starlink-Flachantennen zu einem Standard-Upgrade geworden, das es digitalen Nomaden und Langstreckenseglern ermöglicht, überall auf der Welt eine Hochgeschwindigkeits-Internetverbindung zu nutzen.
Das Fazit
Die Privilège 615 bleibt ein Meilenstein des luxuriösen Katamarandesigns aus einer Ära, in der die Werften großen Wert auf solide Glasfaserlaminate, edlen Innenausbau und strukturelle Sicherheit legten. Für Segler, die lange Hochseepassagen planen oder dauerhaft in Luxus an Bord leben möchten, bietet die 615 eine unglaublich ruhige, solide und seetüchtige Plattform, die auch schwere See mit Gelassenheit meistert. Obwohl die Kosten für die Wartung und Modernisierung ihrer komplexen Systeme auf Yacht-Niveau erheblich sein können, machen ihre außergewöhnliche Bauqualität und ihr stabiler Wiederverkaufswert sie zu einer hervorragenden Wahl für anspruchsvolles Blauwassersegeln.
Vorteile
- Außergewöhnliche Bauqualität mit vakuuminfundierter Glasfaser, Vinylesterharz und einem verrottungsfesten Divinycell-Schaumkern.
- Hervorragende strukturelle Steifigkeit und Laufruhe unter Segeln dank der direkt an Rümpfe und Deck anlaminierten Vakuum-Sandwich-Schotten.
- Das einzigartige Design der vorderen Gondel ermöglicht eine palastartige Eignersuite über die gesamte Breite und bietet entscheidenden Reserveauftrieb.
- Sehr berechenbares, weiches Seeverhalten mit hoher Brückendecksfreiheit, die das Schlagen in der Welle minimiert.
- Hervorragende Sicht und einfache Segelbedienung vom geschützten, erhöht an Backbord liegenden Steuerstand. (4)
Nachteile
- Mit einem Trockengewicht von 58.000 lbs ist sie ein schweres Boot, dem die Spitzengeschwindigkeit und Leichtwind-Agilität von performanceorientierten Katamaranen mit Steckschwertern fehlt.
- Die hohe Komplexität der Systeme erfordert eine akribische Wartung und kann zu teuren Refit-Kosten führen.
- Viele gebrauchte Rümpfe erfordern eine umfangreiche Überprüfung der Elektrik und die Umstellung von europäischen 230V/50Hz- auf US-Spezifikationen.
- Die originalen Teakdecks sind extrem arbeitsintensiv und teuer zu reparieren oder zu ersetzen, wenn sie das Ende ihrer Lebensdauer erreichen. (2)



