Designkonzept & Zielsetzung
Die Bi-Loup 9 wurde als extrem praktische, wartungsarme Fahrtenyacht und Gezeiten-Explorer konzipiert. Im Gegensatz zu den leistungsorientierten Konkurrenzmodellen jener Ära, die einen großen Tiefgang oder anfällige Hub- bzw. Schwenkschwerter benötigten, um flache Häfen anzusteuern, vertraute dieses Modell auf zwei robuste, anlaminierte Kimmkiele, um einen sehr geringen Tiefgang zu gewährleisten. Diese Designphilosophie öffnete sprichwörtlich „Sielhäfen“ und entlegene, trockenfallende Ankerplätze, die für traditionelle Einrumpfboote mit tiefem Kiel ansonsten unerreichbar waren.
Der Innenraum der Bi-Loup 9 spiegelt den Fokus der Werft auf die Maximierung von nutzbarem Raum und natürlichem Licht wider. Sie zeichnet sich durch Wrightons typischen Deckssalon-Stil aus, der von großen, panoramischen Fenstern im Kajütaufbau dominiert wird. Diese fluten den Salon mit natürlichem Licht und ermöglichen es den Gästen, im Sitzen den Horizont zu sehen. Die Raumaufteilung wurde für das Fahrtensegeln mit der Familie optimiert und bietet eine Stehhöhe und ein Volumen, das für ein Boot unter 30 Fuß extrem konkurrenzfähig war. Viele Einheiten dieser Ära wurden als halbfertige Bausätze verkauft, was zu einer großen Bandbreite bei der Qualität des Innenausbaus führte. Während werftseitig fertiggestellte Rümpfe eine warme, wenn auch einfache, lackierte Holzästhetik aufweisen, reicht das Spektrum bei Booten mit Eigenausbau von hochgradig robusten, überdimensionierten Maßmöbeln bis hin zu rudimentären und rein zweckmäßigen Holzarbeiten.
Varianten & Konfigurationen
Über den gesamten Produktionszeitraum hinweg wurde die Bi-Loup 9 hauptsächlich als Masttoppslup gebaut. Die Masttopp-Konfiguration hielt den Segelplan einfach und für kleine Crews leicht bedienbar, während der Segeldruckpunkt relativ niedrig blieb. Der Rumpf war durchgehend mit festen Kimmkielen ausgestattet, was zu einem geringen Tiefgang von knapp unter drei Fuß führte – ideal für flache europäische Kanäle und trockenfallende Häfen.
Der bedeutendste Unterschied bei den heute auf dem Gebrauchtbootmarkt angebotenen Modellen liegt in der Antriebsart. Der Rumpf wurde entweder mit einem Einbaudiesel (typischerweise ein Nanni oder Volvo Penta mit Wellenantrieb und 18 bis 21 PS) oder mit einem Außenborder in einem speziellen Außenborderschacht in der Plicht angeboten. Die Konfiguration mit Einbaudiesel gilt allgemein als die deutlich bessere Wahl. Der originale Außenborderschacht wurde um die engen Abmessungen älterer Zweitakt-Außenborder herum konstruiert. Moderne Viertakt-Außenborder sind aufgrund ihrer größeren Motorköpfe und des höheren Gewichts kaum in dem engen Schacht unterzubringen und bieten zudem oft nicht den nötigen Schub, um den schweren Rumpf gegen starke Gezeitenströmungen zu drücken. (1)
Auch die Kabinenaufteilung variiert aufgrund der Bausatz-Optionen. Während das werksseitige Standard-Layout eine traditionelle V-Koje im Vorschiff, eine L-förmige Pantry und eine geschlossene Achterkabine vorsieht, veränderten einige Eigner beim Selbstausbau das Layout, um zwei schmale Achterkabinen unterzubringen. Dabei wurden die Nasszelle und die Pantry verlegt, um die Anzahl der Schlafplätze zu maximieren.
Segelleistung & Seeverhalten
Die Segeleigenschaften der Bi-Loup 9 werden durch ihre Kimmkiel-Konfiguration und das schwere, volumenreiche Rumpfprofil bestimmt. Mit einer Verdrängung von 2.800 kg (6.173 lbs) und einem bescheidenen Segelfläche-Verdrängungs-Verhältnis von 13,26 ist das Boot bei leichtem Wind stark untertakelt und verhält sich bei Brisen unter zehn Knoten träge. Die Kimmkiele weisen eine große benetzte Fläche auf – fast das 1,7-Fache einer vergleichbaren Yacht mit Einzelkiel –, was bei leichtem Wind wie eine Bremse wirkt und Eigner dazu zwingt, frühzeitig eine große Genua zu setzen oder die Maschine zu nutzen. (1)
Mit einem Ballast-Verdrängungs-Verhältnis von 33,92 % trägt das Boot genügend Gewicht im Kiel, um ein sicheres, berechenbares Seeverhalten zu zeigen, es fehlt ihm jedoch die Steifigkeit und Endstabilität einer Yacht mit tiefem Flossenkiel. Das Kenterungsverhältnis von 2.15 zeigt deutlich, dass das Boot primär für Küsten- und geschützte Gewässer konzipiert ist und sich nach einem Sonnenschuss oder einer Kenterung langsamer wieder aufrichtet. Dies wird durch eine Komfort-Ratio von 16,53 bestätigt, was sich in einem lebhaften, teils unruhigen Seeverhalten in kurzem, steilem Kabbelwasser äußert.
Auch die Leistung am Wind ist ein Kompromiss. Die flachen Kimmkiele erzeugen spürbare Abdrift beim Versuch, nach Luv aufzukreuzen, besonders bei Windstärken ab 4 Beaufort, wenn der stumpfe Bug und die breite Rumpfform in den Wellen anfangen zu stampfen und an Fahrt zu verlieren. Sobald die Schoten jedoch gefiert werden und das Boot auf Halbwind- oder raumem Kurs gesegelt wird, läuft der Rumpf sehr kursstabil und verhält sich wie eine stabile, gutmütige und sichere Plattform.
Marktspiegel & Wirtschaftlichkeit
Auf dem Gebrauchtbootmarkt wird die Bi-Loup 9 im Vergleich zu gängigen, leistungsorientierten europäischen Fahrtenyachten derselben Ära mit einem erheblichen Abschlag gehandelt. Aufgrund ihres speziellen Konzepts bleibt sie ein Nischenprodukt, das vor allem Liebhaber von Kimmkielern an den Gezeitenküsten Nordfrankreichs, Belgiens und der Niederlande anspricht.
Mit weniger als 100 produzierten Einheiten während der neunjährigen Bauzeit ist das Modell relativ selten. Potenzielle Käufer sollten die Kosten für ein Refit sorgfältig kalkulieren. Da diese Boote zu sehr günstigen Einstiegspreisen gehandelt werden, können größere mechanische oder strukturelle Arbeiten – wie der Austausch eines alten Einbaumotors, die Sanierung eines weichen Decks oder ein neuer Segelsatz – den Marktwert des Bootes schnell übersteigen. Für Käufer, die eine erschwingliche, trockenfallende Fahrtenyacht für einen günstigen Liegeplatz im Wattenmeer suchen, ist die wirtschaftliche Rechnung bei einem gut gepflegten Exemplar jedoch äußerst attraktiv.
Bekannte Schwachstellen & Inspektion
Aufgrund des Alters und der damaligen Bauweise weist die Bi-Loup 9 einige bekannte Schwachstellen auf, die vor dem Kauf genau untersucht werden sollten:
- Weiches Sandwichdeck: Wie bei vielen Serienbooten aus den 1980er Jahren wurde für das Deck ein Sandwichkern verwendet, der anfällig für Wassereinbruch ist. Undichtigkeiten entstehen meist an schlecht abgedichteten Relingstützen, Püttingen und Decksorganisern. Dringt Wasser ein, rottet der Kern, was zu struktureller Delamination und weichen Stellen führt. Eine Reparatur erfordert ein aufwendiges Aufschneiden, Trocknen und neues Einlaminieren.
- Undichte Panoramafenster: Die typischen großen Acrylfenster des Kajütaufbaus sind berüchtigt für Undichtigkeiten. Jahrzehntelange UV-Strahlung und thermische Dehnung belasten die originalen Klebstoffe, sodass Wasser die Dichtungen passiert und das darunter liegende Holz im Innenraum verfärbt oder verrottet. Zur Behebung müssen die Acrylscheiben vollständig demontiert, die Klebeflächen gereinigt und mit modernen, flexiblen, UV-stabilisierten Polyurethan-Marinerebstoffen neu verklebt werden.
- Verschleiß an Ruderschaft und Lagern: Da das einfache Spatenruder nicht durch ein Skeg geschützt ist, kann es beim ungleichmäßigen Trockenfallen auf steinigen oder harten Böden leicht unbeabsichtigte vertikale Lasten aufnehmen. Dies kann den Ruderschaft verbiegen oder den Ruderkoker beschädigen, was zu einer schwergängigen Steuerung, Wassereintritt und vorzeitigem Verschleiß der Ruderlager führt.
- Osmose am Rumpf: Gelcoat-Blasenbildung ist bei Polyesterrümpfen der frühen Generationen aus dieser Ära keine Seltenheit. Eine Feuchtigkeitsmessung des Unterwasserschiffs wird dringend empfohlen, um das Ausmaß eventueller Osmoseschäden zu bestimmen.
Modernisierung & Upgrades
Heutige Eigner einer Bi-Loup 9 konzentrieren ihre Refit-Bemühungen darauf, die inhärenten Schwächen des Bootes bei leichtem Wind auszugleichen und die technischen Systeme zu modernisieren.
Der Austausch alter, rußender Volvo Penta- oder Nanni-Einbaudiesel gegen moderne, leichte und effiziente Maschinen ist ein häufiges Upgrade. Bei Booten, die ursprünglich mit einem Außenborderschacht ausgestattet waren, entscheiden sich einige Eigner dafür, den Schacht komplett zuzulaminieren, um den Widerstand im Wasser zu verringern, und stattdessen eine robuste, verstellbare Außenborderhalterung am Spiegel zu montieren. So kann ein moderner Viertakt-Außenborder mit Schubpropeller gefahren werden. (1)
Um die Trägheit des Bootes bei leichtem Wind zu lindern, wird häufig das laufende Gut modernisiert. Der Wechsel auf dehnungsarme synthetische Fallen ermöglicht eine höhere Vorliekspannung, und ein nachgerüstetes, abnehmbares Bugspriet erlaubt das Setzen eines asymmetrischen Spinnakers oder eines Code Zero auf raumen Kursen, was die Leichtwindleistung erheblich verbessert. Darüber hinaus bieten das flache Kajütdach und das breite, offene Deckssalon-Dach eine ideale Fläche für die Installation von semiflexiblen Solarpaneelen, um moderne 12V-Bordelektronik, Kühlschrank und Autopilot zu betreiben, ohne ständig die Maschine zum Laden nutzen zu müssen.
Das Fazit
Die Bi-Loup 9 ist ein hochspezialisiertes Werkzeug für das Küstensegeln, das reine Geschwindigkeit, Höhe am Wind und Hochseekomfort zugunsten des unschlagbaren Nutzens eines flachgehenden, trockenfallenden Rumpfes opfert. Sie ist ein sicherer, stabiler und unglaublich praktischer „Geländewagen der Meere“ für Familien und preisbewusste Fahrtensegler, die in ausgeprägten Gezeitenrevieren unterwegs sind. Wenn man sich mit der mäßigen Leichtwindleistung und den durchschnittlichen Am-Wind-Eigenschaften arrangiert, erhält man eine außergewöhnlich helle und geräumige Raumaufteilung, die weit über ihre Größenklasse hinausreicht. (1)
Vorteile
- Trockenfall-Eignung: Steht auf ihren Kimmkielen problemlos aufrecht im Watt, was Krangebühren spart und flache Ankerplätze zugänglich macht.
- Heller Innenraum: Das typische Panorama-Deckssalondach sorgt für hervorragendes natürliches Licht und eine gute Sicht nach draußen.
- Geringer Tiefgang: Zieht weniger als drei Fuß Wasser und ermöglicht so ein problemloses Befahren von flachen Kanälen, Flüssen und Ästuaren.
- Geräumiges Layout: Bietet eine großzügige Stehhöhe und bis zu sechs Kojen – eine seltene Leistung für ein Boot dieser Gesamtlänge.
Nachteile
- Trägel bei leichtem Wind: Die große benetzte Fläche der Kimmkiele bremst das Boot bei schwacher Brise aus.
- Schwache Am-Wind-Leistung: Läuft wenig Höhe und entwickelt bei Welle und starkem Wind erhebliche Abdrift.
- Unruhiges Seeverhalten: Eine niedrige Komfort-Ratio führt zu Bewegungen, die sich in kurzen, steilen Küstenwellen ruckartig anfühlen können.
- Eingeschränkter Außenborderschacht: Der originale Schacht ist zu klein, um moderne, sperrige Viertakt-Außenborder komfortabel aufzunehmen. (1)






