Konzept & Zielsetzung
Die Gib’Sea Pico-Plus wurde als „habituable de poche“ (Taschenkreuzer) für Küstenfahrten, das Segeln auf Binnenseen und sportliche Clubregatten konzipiert. Um die Anforderungen an einen mühelosen Trailertransport und das Erkunden von Flachwasserrevieren zu erfüllen, wurde der Rumpf in leichter Glasfaserbauweise gefertigt, was zu einer Verdrängung von nur 1.213 Pfund führt. Diese federleichte Konstruktion wurde mit einer großzügigen Breite von 7,55 Fuß kombiniert, die für die nötige Formstabilität sorgte, um ein leistungsstarkes Rigg zu tragen.
Wer durch den Niedergang steigt, erkennt sofort die spartanische, leistungsorientierte DNA des Bootes. Edler Innenausbau oder schweres Marinesperrholz fehlen völlig; stattdessen entwarfen Joubert-Nivelt eine hochfunktionale Innenschale aus geformtem GFK, die das Gewicht minimiert und gleichzeitig die Struktur des Rumpfes verstärkt. Die Aufteilung der Kabine ist bemerkenswert einfach: Sie bietet eine gemütliche V-Koje im Vorschiff und zwei einfache Achterkojen. Damit lassen sich theoretisch bis zu vier kompakte Schlafplätze nutzen, realistischer ist jedoch die Nutzung als Wochenend-Fahrtenyacht für zwei Erwachsene. Eine Stehhöhe ist praktisch nicht vorhanden und liegt bei knapp unter 4,3 Fuß, was die Crew zum Sitzen oder Liegen zwingt. Es gibt keine separate Nasszelle, obwohl eine tragbare Bordtoilette unter der Vorschiffskoje verstaut werden kann. Die Pantry-Ausstattung ist minimalistisch und beschränkt sich meist auf eine kleine Ablage für einen einflammigen Campingkocher. Dieser Innenraum ist konsequent als trockener Unterschlupf nach einem langen Segeltag konzipiert und stellt die Freude am Segeln über den Komfort im Hafen.
Varianten & Konfigurationen
Während ihres gesamten Produktionszyklus blieb die Gib’Sea Pico-Plus ihrem Standard-Layout weitgehend treu, obwohl bei vom Eigner fertiggestellten Booten und den Rigg-Spezifikationen kleinere Abweichungen auftraten. Das bestimmende technische Merkmal des Modells ist seine Schwert-Konfiguration. Anstelle eines tiefen Festkiels verfügt die Pico-Plus über ein unballastiertes, klappbares Schwert aus Eisen, das in einem zentralen Schwertkasten untergebracht ist, während 331 Pfund Ballast tief in der Bilgenstruktur konzentriert sind. Diese Konstruktion ermöglicht einen variablen Tiefgang, der von extrem flachen 1.31 Fuß bei aufgeholtem Schwert bis zu 3.44 Fuß bei vollständig abgesenktem Schwert reicht. Mit aufgeholtem Schwert kann das Boot problemlos auf Sandstrände gefahren, in trockenfallenden Häfen festgemacht oder ohne spezielles Werftgerät auf einen einachsigen Straßentrailer verladen werden. (1)
Der Segelplan ist als 7/8-Slup ausgelegt. Im Gegensatz zu einigen schwereren Konkurrenzmodellen jener Zeit, die mit konservativen Masttopptakelungen ausgestattet waren, erhielt die Pico-Plus ein hohes, sportliches Rigg mit zurückgepfeilten Salingen. Der Antrieb erfolgt ausschließlich über einen Außenborder. Eine Option für einen Innenborder gab es nicht; stattdessen verfügt das Boot über eine am Spiegel montierte Außenborderhalterung, die in der Regel mit einem Kurzschaftmotor von 3 bis 6 PS bestückt wird, was sowohl die Wartungskosten als auch das Gesamtgewicht des Bootes auf ein Minimum reduziert.
Segeleigenschaften & Handhabung
Der wahre Charakter der Gib’Sea Pico-Plus zeigt sich auf dem Wasser, wo die technischen Kennzahlen das Bild eines extrem agilen Leichtwindrenners zeichnen, der eine aufmerksame Hand am Ruder erfordert. Mit einem Segelfläche-Verdrängungs-Verhältnis (SA/D) von 26,73 verfügt die Pico-Plus über ein enorm kraftvolles Leistungsgewicht. Bei leichtem bis mäßigem Wind gleitet das Boot mühelos dahin, beschleunigt bei der kleinsten Böe und segelt größeren, schwereren Fahrtenyachten problemlos davon. Das niedrige Verdrängungs-Längen-Verhältnis (D/L) von 111,79 unterstreicht das extrem leichte Konzept. Der Rumpf erzeugt kaum Widerstand und ist in den Händen einer erfahrenen Crew unter Spinnaker auf raumen Kursen durchaus zum Gleiten fähig. (2)
Diese lebendige Performance geht jedoch bei starkem Wind auf Kosten der Stabilität. Ein Ballast-Verdrängungs-Verhältnis (B/D) von 27,29 % zeigt, dass das Boot stark auf seine breite Wasserlinie und das aktive Crewgewicht angewiesen ist, um aufrecht gesegelt zu werden. Die Pico-Plus ist bekanntlich sehr rank, krängungsempfindlich und neigt bei zu viel Segelfläche zum Sonnenschuss. Eigner müssen darauf vorbereitet sein, das Großsegel frühzeitig zu reffen und den Traveller aktiv zu nutzen.
Dieses ranke Verhalten spiegelt sich auch in den Sicherheits- und Bewegungswerten wider. Mit einer außergewöhnlich niedrigen Komfort-Ratio von 7.01 verhält sich die Pico-Plus in Kabbelwasser sehr unruhig und bewegungsintensiv. Die schnellen, ruckartigen Bewegungen können eine unvorbereitete Crew leicht ermüden. Zudem liegt das Kenterungsverhältnis mit 2,83 deutlich über dem traditionellen Offshore-Grenzwert von 2,0, was auf eine hohe Anfälligkeit für das Durchkentern in brechenden Wellen hinweist. Daher sollte die Pico-Plus strikt als Küstenkreuzer, für Binnenseen oder als Daysailer für geschützte Gewässer betrachtet werden, wo sie unter kontrollierten Bedingungen enormen Spaß bietet.
Bekannte Schwachstellen & Wartung
Für potenzielle Käufer und Restauratoren gibt es einige altersbedingte strukturelle Schwachstellen, die eine sorgfältige Inspektion erfordern. Das Hauptproblem bei der Pico-Plus ist die Kiel-Rumpf-Verbindung sowie die Rumpf-Deck-Verbindung. Gilbert Marine verwendete eine geklebte und mechanisch verschraubte Verbindung, die nach jahrzehntelangem Trailern und Segeln unter struktureller Verwindung leiden kann. Wenn sich die Verbindung zu lösen beginnt, kann Wasser in die Kabine sickern oder die strukturelle Stabilität beeinträchtigt werden. Dies erfordert ein Ausschleifen der betroffenen Bereiche, ein erneutes Verkleben mit Epoxidharz und ein zusätzliches Sichern mit mechanischen Bolzen.
Das Deck selbst ist in Balsa-Sandwichbauweise ausgeführt, was es sehr anfällig für weiche Stellen und Torfbildung macht, wenn Decksbeschläge wie Klampen, Püttinge oder Winschen nicht regelmäßig neu eingedichtet wurden. Besondere Aufmerksamkeit verdient die Vorschiffsluke. Die ab Werk installierten Kunststoffscharniere verspröden unter UV-Strahlung und brechen bekanntermaßen leicht. Der Austausch gegen maßgefertigte Scharniere aus Edelstahl oder Aluminium gehört hier zu den Standardaufgaben.
Der Schwertmechanismus ist eine weitere häufige Verschleißquelle. Der Bolzen des Schwertgelenks und das Hebekabel im Schwertkasten sind anfällig für Korrosion und Verschleiß. Ein Spiel von bis zu einem Zentimeter zwischen dem Schwert und den Wänden des Schwertkastens ist häufig und führt zu einem störenden Klappern beim Wechseln der Schoten auf einen neuen Schlag. Restauratoren ziehen das Schwert oft, um das Hebekabel zu ersetzen und maßgefertigte Distanzscheiben aus Nylon oder UHMW im Schwertkasten zu installieren, um dieses Spiel zu eliminieren. Schließlich müssen der originale Mastfuß und die Püttinge der Wanten auf Spannungsrisse untersucht werden, da das leistungsstarke Rigg hohe Lasten auf diese kompakten Beschläge ausübt. (3)
Modernisierung & Upgrades
Da diese klassischen kleinen Fahrtenboote nun in ihr fünftes Jahrzehnt gehen, nehmen moderne Eigner clevere Refits vor, um die Stabilität und Bedienungsfreundlichkeit zu verbessern. Die tiefgreifendste und unter erfahrenen Pico-Plus-Eignern am meisten geschätzte Modifikation ist der Umbau von einem einzelnen zentralen Ruder auf eine Doppelruder-Anlage. In der Originalkonfiguration verliert das einzelne Klappruder bei starker Krängung in einer Böe oft die Strömung und stallt aus. Durch die Montage von zwei angewinkelten Rudern am Spiegel behält der Steuermann selbst bei starker Krängung die volle Kontrolle, was die Neigung zum Anluven drastisch reduziert. Diese Modifikation ermöglicht es auch, die Außenborderhalterung genau auf die Mittellinie zwischen den Rudern zu versetzen, was die Manövrierfähigkeit unter Motor erheblich verbessert.
Der Trend zu modernen Elektroantrieben passt perfekt zur Pico-Plus. Aufgrund der extrem geringen Verdrängung des Bootes können schwere Viertakt-Außenborder das Heck nach unten ziehen und die Segeleigenschaften verschlechtern. Viele Eigner haben erfolgreich leichte Elektro-Außenborder in Kombination mit kleinen Lithium-Eisenphosphat-Batterien (LiFePO4) installiert, die tief in der Kabine gestaut werden. Dieses Setup bietet ausreichend Leistung für Hafenmanöver, spart Gewicht ein und verbannt Benzingeruch und Motorwartung vom Boot. Schließlich macht das Aufrüsten des Decks-Layouts mit modernen Curry-Klemmen, einer fein abgestimmten Travellerschiene und dem Umlenken aller Fallen nach achtern in die Plicht aus diesem Regattaboot der 1980er Jahre einen leicht zu bedienenden Daysailer für die Einhand-Crew.
Das Urteil
Die Gib’Sea Pico-Plus bleibt eine äußerst attraktive Wahl für Segler, die eine erschwingliche, leicht transportable und aufregende kleine Fahrtenyacht suchen. Es ist kein Boot für diejenigen, die Wert auf Stehhöhe, eine geschlossene Nasszelle oder ein sanftes Seeverhalten bei schwerer Verdrängung legen. Stattdessen ist es ein reines Seglerboot – ein lebendiges, direktes Boot, das aktiven Segeltrim belohnt und bei leichtem Wind pure Freude bereitet. Für Küstentouren, das Trailern von See zu See und das Beach-Camping bleibt sie eine der effizientesten Möglichkeiten, ohne die Last von hohen Liegeplatzgebühren und schweren Zugfahrzeugen aufs Wasser zu kommen. (1)
Vorteile
- Außergewöhnliche Leichtwindleistung und Beschleunigung dank eines sehr kraftvollen Segelplans.
- Hervorragend trailerbar und einfach zu slippen, erfordert nur ein kleineres Zugfahrzeug.
- Extrem geringer Tiefgang bei aufgeholtem Schwert, ideal zum Anlanden am Strand und für Flachwasserreviere.
- Pflegeleichter Rumpf und Deckstruktur mit einem unkomplizierten Außenborder-Antrieb.
- Aktive Eigner-Community mit bewährten Konzepten zur Modernisierung von Ruder und Takelage.
Nachteile
- Bei starkem Wind extrem rank; erfordert frühzeitiges Reffen und aufmerksames Steuern, um Sonnenschüsse zu vermeiden.
- Geringer Komfort in Kabbelwasser, geprägt von schnellen, unruhigen Bewegungen.
- Spartanischer Innenraum ohne Stehhöhe und mit minimalem Komfort für längere Törns.
- Bekannte strukturelle Schwachstellen an der Rumpf-Deck-Verbindung und den originalen Kunststoffbeschlägen.
- Hohe Kenteranfälligkeit im Vergleich zu schwereren Taschenkreuzern mit Festkiel.











