Designkonzept & Zielsetzung
Die Niagara 35 wurde für Fahrtensegler entwickelt, die sowohl Schlechtwettertauglichkeit als auch einen hohen Lebensstandard an Bord verlangten. George Hinterhoeller, Mitbegründer von C&C Yachts, hatte sein gleichnamiges Unternehmen gegründet, um im Semi-Custom-Verfahren hochwertige Yachten mit akribischer Liebe zum Detail zu bauen. Diese Werft-Tradition zeigt sich sofort im Innenausbau der Niagara 35. Die Kabine ist geprägt von warmem, seidenmatt lackiertem Teak-Innenausbau, handgepassten Möbeln, massiven Bodenbrettern aus Teak und Esche und einer hervorragenden Stehhöhe von ca. 1,93 Metern. Im Gegensatz zu Massenproduktions-Yachten derselben Ära, die mit vorgefertigten GFK-Innenschalen arbeiteten, laminierte Hinterhoeller die Marinesperrholz-Schotten direkt von Hand an den Rumpf an. Dies sorgt für enorme strukturelle Steifigkeit und macht fast jeden Winkel des Bootes für Wartungsarbeiten zugänglich. (1, 2)
Im Vergleich zu zeitgenössischen Konkurrenzmodellen wie der Tartan 37, Bristol 35.5 oder C&C Landfall 38 zeichnet sich die Niagara durch einen leicht V-förmigen Vorschiffseintritt aus. Dieses Konstruktionsmerkmal reduziert das Feststampfen beim Kreuzen gegen anstehende See erheblich. Es sorgt für ein weiches, trockenes Segeln, was die Ermüdung der Crew auf längeren Passagen drastisch verringert. Während viele Werften in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren von flachbödigen Regattaformeln beeinflusst waren, setzte Ellis ganz bewusst auf Komfort und Kursstabilität. Das Ergebnis ist ein Verdrängerrumpf mit erheblichen Auftriebsreserven in den Überhängen an Bug und Heck. (1, 3, 4)
Varianten & Konfigurationen
Während Rumpf und Deck der Niagara 35 über den gesamten Produktionszeitraum unverändert blieben, wurde das Boot mit zwei völlig unterschiedlichen Innenraumaufteilungen angeboten. Das ursprüngliche „Classic“-Layout, gebaut von 1978 bis 1984, war für Langstrecken-Fahrtensegler optimiert. Es bot eine ungewöhnliche Aufteilung: Der Niedergang führte direkt in eine separate Achterkabine mit zwei großen Achterkojen. Die Pantry und die Nasszelle waren mittschiffs platziert, um als Puffer zu dienen, während der Hauptsalon vor den Mast verlegt wurde. Ein entscheidender Punkt: Die Vorpiek war im Classic-Layout komplett für die Segellagerung und als Werkstatt reserviert, anstatt eine Koje zu beherbergen. (2)
Um Eignern gerecht zu werden, die eine traditionelle Aufteilung mit einer eigenen Eignerkabine im Vorschiff bevorzugten, brachte Hinterhoeller Ende 1984 das Modell „Encore“ heraus. Das Encore-Layout verlegte die Eignerkabine nach vorn und bot dort eine versetzte Doppelkoje mit direktem Zugang zur Nasszelle. Diese Konfiguration ermöglichte es, die Nasszelle so zu vergrößern, dass eine separate, begehbare Dusche Platz fand – ein heiß begehrter Luxus auf einem 35-Fuß-Boot. Der Niedergang der Encore führt zu einer traditionellen U-förmigen Pantry an Backbord, einer vollwertigen Navigationsecke für den Hochseeeinsatz und einer einzelnen Achterkoje an Steuerbord. Mittschiffs flankieren sich gegenüberliegende Sofakojen einen klappbaren Esstisch. (1)
Unter Wasser verfügt die Niagara 35 über einen Flossenkiel mit NACA-Profil und moderatem Tiefgang von 1,57 Metern, kombiniert mit einem balancierten Spatenruder. Das Masttoppslup-Rigg ist Standard, obwohl ein erheblicher Teil der Eigner seine Schiffe zu Kuttertakelungen umrüstete. Dazu wurde ein nachträglich installiertes, an Deck verstärktes Kutterstag montiert, um bei schwerem Wetter ein Stagsegel fahren zu können. (5)
Segelleistung & Seeverhalten
Mit einer Verdrängung von 6.350 kg und einer Länge in der Wasserlinie von 8,13 Metern weist die Niagara 35 ein hohes Verdrängungs-Längen-Verhältnis (D/L) von 329,47 auf. Dieses Verhältnis übersetzt sich in der Praxis in ein kraftvolles, von Trägheit und Moment getragenes Seeverhalten. Das Boot lässt sich von kurzem, steilem Kabbelwasser nicht stoppen; es behält seine Fahrt bei und läuft kursstabil geradeaus, wo leichtere Konstruktionen ins Stampfen geraten oder wegdrehen würden. (5, 6)
Mit einem Segelfläche-Verdrängungs-Verhältnis von 16.47 bietet das Standard-Masttoppslup-Rigg einen konservativen, aber zuverlässigen Segelplan für Fahrtensegler. Bei leichtem Wind unter acht Knoten kann sich das Boot aufgrund der großen benetzten Fläche träge anfühlen. Sobald jedoch etwas Wind aufkommt, segelt die Niagara 35 außergewöhnlich steif. Diese Stabilität resultiert aus einem hohen Ballast-Verdrängungs-Verhältnis (B/D) von 39,29 % durch den im Rumpf vergossenen Bleiballast. Eigner berichten, dass die Fußreling nur selten ins Wasser eintaucht und das Boot bis zu 20 Knoten Wind problemlos das volle Großsegel und Vorsegel trägt, bevor gerefft werden muss. Vor dem Wind ist der ausbalancierte Rumpf extrem stabil und läuft mühelos über acht Knoten. (5, 6)
Die Komfort-Ratio von 28,92 zeugt von einem angenehmen, weichen Seeverhalten. Dem Boot fehlt das ruckartige Rollen mit hohen Beschleunigungen, das moderne, flachbödige Rümpfe auszeichnet; stattdessen krängt es sanft und berechenbar. Das Kenterungsverhältnis liegt mit 1,90 sicher unter dem klassischen Grenzwert von 2,0 für Hochseeyachten. Dies bestätigt, dass die Yacht physisch für das Blauwassersegeln ausgelegt ist und sich nach extremen Querschlägen schnell wieder aufrichtet. Am Rad sorgt das balancierte Spatenruder für eine direkte, feinfühlige Rückmeldung. Dadurch fühlt sich die Yacht deutlich leichter und agiler an als typische schwere Langkieler. (5)
Bekannte Schwachstellen & Inspektion
Kaufinteressenten müssen sich bei der Niagara 35 intensiv mit der Bauweise auseinandersetzen, insbesondere mit den Sandwich-Laminaten. Hinterhoeller baute sowohl die Decks als auch die Rumpfseiten oberhalb der Wasserlinie mit einem Hirnholzbalsakern. Dies sorgt zwar für enorme Steifigkeit sowie hervorragende Wärme- und Schalldämmung, doch jede undichte Decksarmatur kann dazu führen, dass Wasser in das Balsa eindringt. Ein gründliches Abklopfen mit einem Kunststoffhammer und Messungen mit dem Feuchtigkeitsmesser sind unerlässlich – besonders im Bereich der Püttinge, der Relingstützen, des Mastfußes und der vorderen Luken. (5, 7)
Eine wesentliche mechanische Schwachstelle, die typisch für dieses Modell ist, betrifft die Ruderschaft-Konstruktion. Ab Werft führt das obere Ende des Ruderschafts durch ein Führungsrohr im Cockpitboden. Unter hoher seitlicher Belastung – etwa beim harten Am-Wind-Segeln – lastet enormer Druck auf diesem Bereich. Dies führt oft zu Flexen im GFK und einem seitlichen Spiel von bis zu einem Zentimeter. Die allgemein anerkannte Lösung besteht darin, das Ruder zu ziehen und eine massive, maßgefertigte Gegenplatte aus G10 oder schwerem Aluminium unter dem Cockpitboden zu installieren, um den Ruderkoker zu verstärken und die Seitenkräfte besser zu verteilen. (8)
Zudem erfordert das Ruderblatt selbst eine genaue Inspektion. Hinterhoeller baute einige Ruder mit internen Stegen aus Baustahl, die an die Edelstahl-Ruderwelle geschweißt waren. Über die Jahrzehnte kann Wasser in die GFK-Schale eindringen, wodurch dieser Baustahl rostet, aufquillt und die Ruderhälften auseinandersprengt. Ein typisches Warnzeichen dafür ist rostiges Tropfwasser, das unten aus dem Ruderblatt austritt, wenn das Boot ausgekrant ist. (8)
Modernisierung & Upgrades
Über die Jahrzehnte haben erfahrene Niagara 35-Eigner einige Standard-Refits durchgeführt, um das Boot für autarkes Fahrtensegeln zu modernisieren. Die ursprünglichen Motoren – meist Diesel von Volvo Penta, Westerbeke oder ältere Universal-Modelle – sind heute oft reif für einen Austausch. Eigner rüsten häufig auf einen modernen, zweikreissgekühlten Beta Marine 38 oder einen Yanmar 3YM30 um. Beide bieten ein wesentlich besseres Leistungsgewicht und eine einfachere Ersatzteilversorgung. (1)
Die Elektrik aus den 1980er Jahren war extrem simpel aufgebaut und bestand oft nur aus wenigen Basiskreisen. Heutige Eigner rüsten die alten Blei-Säure-Verbraucherbänke regelmäßig auf Lithium-Eisenphosphat-Systeme (LiFePO4) um. Da die Niagara 35 als mittelgroße Fahrtenyacht nur begrenzte Decksflächen bietet, installieren Eigner meist einen maßgefertigten Edelstahl-Geräteträger am Heck oder integrieren flexible Solarpaneele direkt auf dem Bimini. Solaranlagen mit 300 bis 600 Watt, gesteuert über moderne MPPT-Regler, sind üblich. Sie ermöglichen es, die 12V-Kühlung und die Elektronik vor Anker dauerhaft zu betreiben, ohne den Motor starten zu müssen.
Die Umrüstung des Standard-Sloop-Riggs mit einer Salingsebene zum Kutter ist ein weiteres beliebtes Upgrade für Langfahrtsegler. Dies erfordert zwar eine Decksverstärkung im Bugbereich für das Kutterstag-Pütting, bietet dem Boot aber einen hochflexiblen Segelplan für schweres Wetter. (5)
Marktübersicht & Wirtschaftlichkeit
Die Niagara 35 nimmt auf dem Gebrauchtbootmarkt eine sehr angesehene und wertstabile Position ein. Sie erzielt beständig höhere Preise als Großserienboote ähnlicher Länge und gleichen Alters. Hinterhoellers Ruf für erstklassige Bootsbauqualität schützt vor hohem Wertverlust. Das macht die Yacht zu einer soliden Investition für Segler, die einige Jahre auf Törn gehen und das Boot anschließend wieder verkaufen möchten. (5)
Unter den beiden Layouts ist die Encore-Version besonders begehrt und erzielt auf dem Gebrauchtmarkt spürbar höhere Preise. Die meisten Käufer bevorzugen den Komfort der Doppelkoje im Vorschiff und der separaten Dusche gegenüber dem unkonventionellen Layout der Classic-Version, wenngleich die Classic bei Einhand-Blauwasserseglern nach wie vor beliebt ist. Käufer sollten bei der Kalkulation eines Refits die Kosten für das neu Abdichten der Decksbeschläge und eine eventuelle Sanierung des Ruderblatts einplanen. In der Fahrtensegler-Gemeinschaft werden diese Arbeiten jedoch als normale Instandhaltung für einen Rumpf dieser Güteklasse angesehen. (1, 5)
Das Fazit
Die Niagara 35 Encore ist ein Meisterwerk des moderaten Fahrtenyacht-Designs. Sie beweist, dass ein Schiff nicht über 40 Fuß lang sein muss, um eine sichere, komfortable und absolut hochseetaugliche Fahrtenyacht zu sein. Sie schafft mühelos den Spagat zwischen einem agilen Unterwasserschiff und dem luxuriösen Innenausbau sowie der strukturellen Robustheit, die anspruchsvolle Fahrtensegler erwarten. Für alle, die eine elegante, steife und hervorragend verarbeitete 35-Fuß-Yacht mit exquisitem Holzinnenausbau und hochfunktioneller Aufteilung suchen, stellt das Encore-Modell einen der besten Werte aus der goldenen Ära des kanadischen Yachtbaus dar.
- Vorteile
- Herausragende kanadische Bauqualität mit handgepasstem Teak-Innenausbau und robusten, einlaminierten Schotten.
- Steifes, stabiles und hochseetüchtiges Seeverhalten mit weichen Bewegungen in rauer See.
- Das Encore-Layout bietet eine äußerst wohnliche Aufteilung mit einer separaten Doppelkoje im Vorschiff und einer seltenen, separaten Dusche in der Nasszelle.
- Leichtes, direktes Rudergefühl und hervorragende Kursstabilität dank balanciertem Spatenruder und NACA-Profil-Kiel.
- Starke Eignergemeinschaft und sehr gute Wertstabilität auf dem Gebrauchtbootmarkt. (5)
- Nachteile
- Das Deck und die Rumpfseiten mit Balsakern erfordern eine sorgfältige, regelmäßige Feuchtigkeitskontrolle, um Torfbildung im Sandwich zu verhindern.
- Eine konstruktionsbedingte Schwachstelle im Cockpitboden erfordert nachträgliche strukturelle Verstärkungen im Bereich des Ruderschafts.
- Beim Ruderbau wurden teilweise interne Stege aus Baustahl verwendet, die zu Rostbildung und Aufquellen neigen.
- Träges Seeverhalten bei leichtem Wind unter acht Knoten aufgrund moderater Segelfläche und hoher Verdrängung.
- Der Motorzugang kann eng sein, insbesondere bei älteren Maschinen mit komplexen V-Antrieb-Konfigurationen. (1, 7, 8)









