Designkonzept & Zielsetzung
Die Armor 660 ist ein klassischer Vertreter der „Masurischen Schule“ des Yachtdesigns, entstanden in den seenreichen Regionen Polens, wo geringer Tiefgang, einfaches Trailern und maximales Innenraumvolumen an erster Stelle stehen. Während Konkurrenzmodelle der späten 1990er-Jahre Käufer oft vor die Wahl stellten zwischen dem spartanischen Interieur eines sportlichen Regattabootes oder der schweren, schwer trailerbaren Natur einer traditionellen Kielyacht, versucht die Armor 660 diese Lücke zu schließen.
Im Inneren trotzt das Boot seiner Länge über alles (LOA) von 21,65 Fuß. Die Qualität des Innenausbaus und der GFK-Formteile ist für ein Serienboot dieser Ära respektabel. Ein struktureller GFK-Innengitterrahmen, der mit warmen Holzleisten verziert ist, mildert das typisch kalte Gefühl kleiner Kunststoffkabinen ab. Die Aufteilung ist bemerkenswert komfortabel: Sie bietet eine eigene Pantry mit einem zweiflammigen Herd, eine Spüle mit manueller oder druckgesteuerter Frischwasserversorgung, eine chemische Bordtoilette in einer separaten, privaten Nasszelle sowie Schlafplätze für bis zu vier oder fünf Erwachsene mittels einer umbaubaren V-Koje im Vorschiff, einer Doppelkoje achtern (querschiffs) und einer einzelnen Sofakoje. Ermöglicht wird dieser hohe Wohnkomfort unter Deck durch ein hohes Freibord und einen erhöhten Kajütaufbau, was dem Boot im Vergleich zu schlanken, aber engen traditionellen Traileryachten eine unvergleichliche Wohnlichkeit verleiht.
Varianten & Konfigurationen
Während der gesamten Bauzeit wurde das Boot mit verschiedenen Kiel- und Antriebskonzepten konfiguriert, um den regionalen europäischen Märkten gerecht zu werden:
- Schwenkkiel (Ballastschwert): Dies ist die am weitesten verbreitete Konfiguration, insbesondere auf französischen und polnischen Gewässern. Sie verfügt über ein klappbares Schwert aus Metall, das sich vollständig in einen flachen Kielstummel einziehen lässt. Dieses Layout reduziert den minimalen Tiefgang auf extrem flache 1.48 Fuß (0.45 Meter), was das Anlanden am Strand, das Trockenfallen im Gezeitenrevier und das Slippen über eine Rampe außergewöhnlich einfach macht. Vollständig abgesenkt erhöht sich der Tiefgang auf 5.05 Fuß (1.54 Meter), um ausreichend Abdriftminderung zu gewährleisten.
- Flügelkiel: Eine Variante mit Festkiel für Eigner in Küstenrevieren, die keinen Bedarf für Trailern oder das Segeln im Flachwasser hatten. Diese Konfiguration tauscht die Trailerbarkeit gegen einen geringeren Wartungsaufwand ein, da die Mechanik des Schwenkkiels entfällt und der Schwerpunkt tiefer liegt.
- Außenborder-Halterung vs. Motorschacht: Die überwiegende Mehrheit der Armor 660 nutzt einen Außenbordmotor (typischerweise zwischen 5 und 9,9 PS), der entweder in einem speziellen Schacht in der Plicht oder an einer robusten Halterung am Spiegel montiert ist.
- Die „Prestige“ Einbaumaschine: Auf dem britischen Markt wurde unter dem Namen Europa TS240 eine seltene Premium-Version mit einem kleinen Einzylinder-Nanni-Einbaudiesel verkauft. Diese Variante bot eine unübertroffene Zuverlässigkeit unter Motor und eine gute Batterieladekapazität, allerdings auf Kosten von zusätzlichem Gewicht und einem etwas komplexeren Wartungsaufwand.
Segelleistung & Seeverhalten
Mit einer Verdrängung von 3.351 Pfund, einer Länge in der Wasserlinie von 19,68 Fuß und einem Verdrängungs-Längen-Verhältnis (D/L) von 196,27 fällt die Armor 660 genau in die Kategorie der moderaten Verdränger. Auf dem Wasser übersetzt sich dies in ein stabiles, aber dennoch lebendiges Seeverhalten. Das Komfort-Ratio von 15,17 spiegelt das geringe Gesamtgewicht wider; das Boot verhält sich in der Welle agil und direkt, und Bewegungen in kurzem, steilem Kabbelwasser sind deutlicher zu spüren als bei einer schweren Kielyacht.
Ein Kenterungsverhältnis von 2,23 unterstreicht, dass dieses Boot eher als Fahrtenyacht für Küsten- und Binnengewässer und weniger für lange Hochseepassagen konzipiert ist. Unter ihrem 7/8-Slup-Rigg – das mit einer moderaten Fock für müheloses Wenden mit kleiner Crew ausgelegt ist – segelt die Armor 660 bei leichtem Wind (unter 10 Knoten) erstaunlich schnell und agil. Ihre sauberen Rumpflinien und die großzügige Wasserlinie helfen ihr, die theoretische Rumpfgeschwindigkeit von ca. 5,9 Knoten problemlos zu erreichen.
Allerdings sorgen das hohe Freibord und der Kajütaufbau für eine erhebliche Windangriffsfläche. In Kombination mit einem Ballast-Verdrängungs-Verhältnis von 27,63 % ist das Boot relativ rank. Es krängt schnell, sobald der Wind auf über 12 bis 15 Knoten auffrischt. Erfahrene Eigner sind sich einig, dass frühzeitiges Reffen unerlässlich ist, um Kontrolle und Komfort zu wahren. Sobald gerefft, ist das Boot überraschend seetüchtig und läuft kursstabil, aber wer es bei Starkwind übertakelt segelt, riskiert schnell einen Sonnenschuss. Zudem kann sich das Boot in der Schwenkkiel-Version vor Anker recht rank anfühlen und rollen, wenn das schwere Schwert vollständig eingeholt ist.
Bekannte Schwachstellen & Inspektion
Für Kaufinteressenten auf dem Gebrauchtbootmarkt gibt es einige modellspezifische technische Bereiche, die einer genauen Prüfung bedürfen:
- Verschleiß der Dichtung im Außenborderschacht: Bei Booten mit Motorschacht ist Wassereintritt in die Bilge eine häufige Schwachstelle. Die Polyurethan-Dichtung (ursprünglich Sikaflex) an der Verbindung zwischen Rumpf und Schacht kann im Laufe der Zeit spröde werden, insbesondere wenn ein Vorbesitzer intensiv mit dem Hochdruckreiniger gearbeitet hat. Leckwasser umgeht hier die Cockpit-Lenzer und läuft direkt in die Kajütbilge.
- Schwenkkiel-Drahtseil und Bolzen: Der Hebemechanismus für den Schwenkkiel besteht aus einem Edelstahlseil, einer Winsch und einem Bolzen aus Bronze oder Stahl. Dieses System arbeitet in einer aggressiven, sauerstoffarmen Unterwasserumgebung. Das Seil neigt am Anschlagauge zum Spleißen, und der Bolzen kann verschleißen, was zu einem deutlichen Klappern führt, wenn das Boot rollt. Um diese Komponenten zu inspizieren, muss der Rumpf an einem Kran hängen oder auf einem hohen Spezialtrailer stehen.
- Haarrisse im Decks-Gelcoat und feuchter Sandwich-Kern: Wie bei vielen Serienbooten dieser Ära sind die Decks mit Balsa-Sandwichkern anfällig für Feuchtigkeitseintritt, wenn Beschläge (wie Relingstützen, Klampen oder der Mastfuss) nicht regelmäßig neu eingedichtet wurden. Die hohe Windlast des hohen Riggs kann zudem starke Belastungen auf die Püttinge ausüben, die auf Haarrisse an Deck oder Wasserränder an den darunter liegenden Schotten untersucht werden sollten.
- Spiel im Ruderblatt: Das am Spiegel aufgehängte Ruder ist erheblichen Kräften ausgesetzt. Die Ruderbeschläge, Fingerlinge und die Kassette, die das aufholbare Ruderblatt aufnimmt, müssen auf Spannungsrisse und übermäßiges Spiel untersucht werden, da dies zu einem schwammigen Rudergefühl führen kann.
Modernisierung & Upgrades
Heutige Eigner der Armor 660 konzentrieren ihr Refit-Budget meist auf Gewichtsreduktion, elektrische Autarkie und Sicherheit:
- Umrüstung auf Elektroantrieb: Da die geringe Verdrängung des Bootes hervorragend mit elektrischen Außenbordern harmoniert, ersetzen viele Eigner alternde, schwere Benzin-Außenborder durch Antriebe von Torqeedo oder ePropulsion. Dies eliminiert das Sicherheitsrisiko von Benzin in den Backskisten und spart Gewicht am Heck.
- Lithium-Batteriesysteme (LiFePO4): Die ursprüngliche Elektrik dieser Boote war minimalistisch und nutzte oft nur eine einzige kleine 54-Ah-Bleisäurebatterie. Die Modernisierung auf eine einzelne 100-Ah-LiFePO4-Batterie in Kombination mit einem flexiblen 100-W-Solarpaneel auf dem Kajütdach oder einem maßgeschneiderten Geräteträger am Heck sorgt für vollständige Autarkie für Kajütbeleuchtung, UKW-Funk und Basis-Instrumente.
- Umlenkung des laufenden Guts ins Cockpit: Ab Werft waren nicht immer alle Fallen und Reffleinen in die Plicht umgelenkt. Durch das Nachrüsten von Decksorganisatoren und Fallenstoppern auf dem Kajütdach lässt sich das Boot wesentlich sicherer einhand segeln, ohne dass man bei rauem Wetter aufs Vordeck gehen muss.
Das Fazit
Die Armor 660 ist eine außergewöhnlich clevere, raumeffiziente Fahrtenyacht, die sich hervorragend für küstennahe Törns und das Segeln auf Seen im Rahmen eines überschaubaren Budgets eignet. Sie ist zwar nicht für schwere Bedingungen auf hoher See gebaut, bietet aber ein unübertroffenes Maß an Kabinenkomfort und Standardausstattung in einem Paket, das sich dennoch problemlos mit einem gängigen Mittelklasse-SUV trailern lässt.
Vorteile:
- Bemerkenswertes Innenraumvolumen mit einer separaten Nasszelle und Schlafplätzen für bis zu fünf Personen.
- Der äußerst vielseitige Schwenkkiel ermöglicht das Befahren von Flachwasserrevieren, das Trockenfallen und ein einfaches Slippen über die Rampe.
- Hervorragende Segelleistung und Agilität bei leichtem bis mäßigem Wind.
- Mit unter 22 Fuß Länge ist das Boot sehr kostengünstig im Unterhalt, bei Liegeplatzgebühren und im Winterlager.
Nachteile:
- Relativ ranke Konstruktion, die frühzeitiges Reffen erfordert, sobald der Wind 12–15 Knoten übersteigt.
- Hohes Freibord und Kajütaufbau sorgen für erhebliche Windabdrift, was Hafenmanöver unter Außenborder bei starkem Wind zu einer Herausforderung machen kann.
- Die Bolzenverbindung des Schwenkkiels und das Hubseil erfordern regelmäßige Unterwasserinspektionen und Wartung.



